Atelier

Was aber ist Raku eigentlich?
Bauernhof von 1910Der englische Keramiker David Roberts beschrieb es für mich am treffensten: "Raku heißt, heiße Gefässe aus einem Ofen nehmen Atelierund dann irgend etwas damit zu machen". So lapidar diese Erklärung klingt, so stimmig ist sie denn doch. Denn immer geht es darum, eine rotglühende Keramik aus dem Ofen zu nehmen. Was dann aber passiert ist sehr vielfältig und hat nichts mit den Ursprüngen der einst asiatischen Brenntechnik mehr gemein.Auch Martin Mindermann hat sich stark von dem Raku entfernt, das im Japan des 16.Jahrhunderts darunter verstanden wurde. Nicht japanische, zen-buddistische Lebensphilosophie sind seine Triebfeder, Atelieres ist vielmehr sein ästhetisches Empfinden und eine stimmige Symbiose zwischen Gefässkörper und Gefässhaut zu schaffen. David Roberts Satz sagt alles und sagt dann doch so gar nichts über den zeitaufwendigen, kraftvollen und konzentrierten Akt des Rakubrandes. Für Martin Mindermann ist Raku die kultivierte Form der Pyromanie. Diese Aussage wird ihnen im Anschluß durch einen kleinen Videofilm verdeutlicht. Das geschrühte Gefäss erhält zunächst meist einen weißgrundigen Auftrag auf den dann mehrere Schichten einer basischen LinsenvaseGlasur aufgebracht werden, die teils mit Metallsalzen versehen ist. Die Glasur muß staubtrocken auf dem Gefäss haften, bevor es in den gas-befeuerten Raku-Ofen gesetzt wird. Es vergehen ca 12 Stunden bevor die Temperatur um/bei 1000 Grad die Glasur flüssig/glänzend erscheinen lässt. Es wird sozusagen auf Sicht gebrannt. Nur mit Schutzkleidung kann Mindermann jetzt arbeiten. Hitze schlägt ihm aus dem geöffneten Ofen entgegen. Mit Zangen greift er ein glühendes Gefäss heraus. Der Temperaturschock dem der Scherben ausgesetzt wird ist gewaltig. Die Glasurhaut reißt, auch für das Ohr deutlich wahrnehmbar. Ein Craqueleenetz zeichnet sich unterschiedlich stark ausgeprägt auf dem Scherben aus. Sofort nach der Entnahme aus dem Ofen wird das glühende, knisternde Gefäss in eine Grube gelegt die mit Holz- und Sägespänen gefüllt ist. Die Flammen schlagen hoch. Nach und nach werden schaufelweise Sägespäne auf das Gefäss geschüttet. Der schwarze Pechqualm zieht in die verletzte Haut des Scherbens ein. Schwarzgefärbte graphische Strukturen überziehen die Rakuarbeit. In dieser Aschegrube verbleibt das Gefäss bis zum Auskühlen noch eine lange Zeit. Wer jetzt vermutet bereits einen Schatz aus der Grube nehmen zu können, der irrt. Schmutzig, rußig schwarz überzieht ein Mantel mehr oder weniger dick die Gefässform. Vor den Lohn haben die Götter bekanntlich den Schweiß gestellt. Das Gefäß muss geschrubbt werden. Nach und nach kommt dann das Objekt zutage. In einer weiteren Nacharbeit wird Blattgold in tiefere Risse und Ritzungen eingelegt. Goldlinien auf der Außenhaut und lüstern schimmernde Glasuren im Inneren des Gefässes beflügeln die Phantasie des Betrachters. Das feine Netz des Craquellees wird noch einmal in wenigen Linien hervorgehoben. Ein Schatz entsteht.

Bilder zum Rakubrand
Anziehen der SchutzkleidungÖffnen des OfensGefäss steht im geöffneten OfenGlühende Keramik wird zum Schütthaufen getragenKeramik wird mit trockenen Sägespänen abgedecktKeramik wird mit feuchten Sägespänen abgedeckt

Auszug aus dem Künstlerportrait der Galerie Faita

Raku
Raku ist für mich die Möglichkeit, mein künstlerisches Anliegen umzusetzen, nämlich Volumen und Glasur mit HaarrissenKörper mit farbigen, bildhaften Oberflächen zu verbinden und dabei Kunst zum Anfassen und Betrachten zu schaffen. Vorbilder für meine Gefäße sind natürliche Formen wie Samengehäuse und Fruchtkörper oder auch Ausschnitte von Körperumrisslinien. Im Laufe der Zeit wurden meine Gefäße größer, damit ich mehr Fläche habe, auf der sich die Raku-Technik besser entfalten kann. Durch das Mehr an Oberfläche sind die Glasurergebnisse beeindruckender, dem Betrachter wird ein vielfältigeres Bild geboten. Die Stücke treten durch ihr Größe deutlicher in den Raum und dem Betrachter körperlich entgegen. Die Oberfläche meiner Gefäße lassen sich wie Bilder oder Landkarten lesen: Ozeane und Inseln entstehen zwischen dem rakugefärbten Craquelé, den nicht eingefärbten Sprüngen und den nicht gezeichneten Flächen. Die feinen Haarrisse geben der Glasur opake Tiefe und gleichzeitig etwas Brillantes. Der Rakubrand führt das Material an die Grenze seiner Belastbarkeit. Ich will es dabei aber nicht alleine lassen. Die farbliche Entfaltung der Glasur und die Entstehung der Spannungsrisse in der Haut des Gefäßes möchte ich nicht elektronischer Steuerung überlassen, sondern so weit wie möglich beeinflussen. Feuer und Material bringen sich jedoch ein und nehmen mir einzelne Entscheidungen über die Strukturiertheit der Oberfläche aus der Hand: Es ist für mich jedes Mal wieder faszinierend zu sehen, wie der gelenkte Zufall am Ergebnis mitwirkt und mir ein Gegenüber ist. Gold und Kupfer sind mir als zusätzliche Materialien wichtig. Bei vielen Gefäßen bildet das Verarbeiten dieser beiden Metalle den Abschluss. Die Metall-Linien korrespondieren mit dem Craquelé der Glasur und es entstehen so zwei sich überlagernde Netze. Die Craquelé-Struktur der Scherbens wird so akzentuiert.